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Zur Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück

„Tod oder Überleben. Neue Forschungen zum Schicksal der Häftlinge des Frauenkonzen­trationslagers“ lautete das Thema eines Colloquiums der Berliner Gesellschaft für Faschis­mus und Weltkriegsforschung am 8. Juni 1999, auf dem drei Historikerinnen Zwischener­gebnisse ihrer Arbeiten zur Geschichte von Ravensbrück vorstellten und diskutierten. Erika Schwarz, die soeben ihre Untersuchungen zur Vorgeschichte der vor 40 Jahren gegründe­ten Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück publiziert hat[1], moderierte die Ver­anstaltung.

Christa Schikorra, Doktorandin am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, erörterte die Zusammensetzung, die soziale Situation und die Spezifik jener Häftlinge, die von den Nazis als „Asoziale“ eingestuft worden waren. Frau Schikorra umriß zunächst die Gesetzeslage und schilderte die Verhaftungswellen für „Asoziale“ und deren Gründe. Sie stützte sich vor allem auf einschlägige Akten aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf und auf Quellen über die aus den Lagern Dreibergen-Bützow und Breitenau nach Ravensbrück eingewiesenen „asozialen“ Häftlingen. Der Anteil dieser Häftlingsgrup­pe an den in Ravensbrück gefangengehaltenen Frauen war anfangs sehr groß, er machte 1939 ein Viertel bis ein Drittel aus, und sank bis zum Beginn des Jahres 1945 auf drei Prozent ab, vor allem durch die Massentransporte aus den evakuierten Konzentrations­lagern im Osten. Allerdings sagt dieser Anteil noch nichts über die absolute Zahl dieser Häftlinge und deren Veränderungen aus. An absoluten Zahlen konnte Frau Schikorra die Größe dieser Häftlingsgruppe mit knapp 2000 Frauen für Anfang 1942 angeben.

Zur Gruppe der „asozialen“ Häftlinge des Lagers Ravensbrück gehörten vor allem Prostitu­ierte und Kleinkriminelle aber auch Fürsorgeempfängeringen. Über deren Situation im La­ger und deren Schicksal lägen allerdings kaum Berichte vor, da die Stigmatisierung als „asozial“ weiterwirkte und die Angehörigen dieser Häftlingsgruppe sich nach der Befreiung scheuten, sich mündlich oder schriftlich über ihre Lebenswege zu äußern.

Simone Erpel, Doktorandin am Forschungsbereich Politische Wissenschaft der Freien Uni­versität Berlin, referierte über die letzten vier Monate des Konzentrationslagers Ravensbrück, insbesondere über die Todesmärsche, auf die 18.000 weibliche Häftlinge am 27. und 28. April 1945 geschickt wurden. Die Situation jener letzten Monate veränderte sich vor allem durch zwei Prozesse: Erstens: Immer neue Transporte mit Tausenden von Häftlingen aus den geräumten Lagern in Osteuropa trafen ein, in Ravensbrück vor allem aus Auschwitz, Groß-Rosen und Stutthof. Auch die in der Nähe der Oder liegenden Außenlager von Ra­vensbrück wurden von der SS aufgelöst, ihre – männlichen - Häftlinge wurde ins Haupt­lager Ravensbrück geschafft. Obwohl die Häftlingsbevölkerung im Hauptlager Ravensbrück und in den Außenlagern „schier explodierte“, liegen über die Häftlingszahlen von Mitte Januar 1945 bis zur Räumung im April keine gesicherten Zahlen vor.

Zweitens: Martin Broszat schätzte, daß ein Drittel aller im Januar 1945 in den noch existie­renden Konzentrationslagern gefangenen Häftlinge bis zur Befreiung ums Leben kam. Die letzte Stärkemeldung an das WVHA datiert vom Januar 1945 und lautete insgesamt auf über 700.000 Häftlinge, davon 200.000 Frauen. Die erschreckend hohe Todesrate der folgenden vier Monate verweist auf eine Situation, in der die Räumungen und Massentrans­porte und die qualvolle Enge alle Wirkungen des Terrors, des Hungers und der Krankhei­ten vervielfachten. Die Sterblichkeit stieg auch in Ravensbrück vor allem unter den neuan­gekommenen Häftlingen drastisch an. Doch die Häftlinge starben nicht nur an Entkräftung und Krankheiten, immer mehr wurden direkt ermordet, vor allem potenzierten sich die Morde an kranken, geschwächten, also nicht transportfähigen Häftlingen. Denn zeitgleich mit den Evakuierungstransporten aus Auschwitz begann die SS im Januar 1945 auch in Ravens­brück, gezielt und in großem Umfang Häftlinge zu ermorden: Arbeitsfähigkeit und Marsch­fähigkeit wurden zu Selektionskriterien. Dieses Wüten des Wachpersonals eskalierte noch einmal auf den Todesmärschen.

Über die Todesmärsche der Ravensbrücker Frauen liegt bisher, so Frau Erpel, nur ein 1995 erschienener Aufsatz von Wolfgang Jacobeit vor. Die vorhandenen Quellen sind beschränkt, zahlreiche Forschungsprobleme noch offen. Erinnerungsberichte über die Todesmärsche liegen vor allem von überlebenden deutschen und österreichischen Frauen vor, die Mehrzahl der auf den Todesmärschen ermordeten und gestorbenen aber waren osteuropäische Häftlinge. Häftlinge aus den westeuropäischen Ländern befanden sich nicht auf dem Todesmarsch, da die Französinnen, Niederländerinnen, Belgierinnen, Dä­ninnen und Norwegerinnen wenige Tage zuvor durch die „Aktion Bernadotte“ des Inter­nationalen Roten Kreuzes aus Ravensbrück abgeholt worden waren. Neben den Erinne­rungsberichten bilden die Berichte der Schweizer Delegierten des IRK, die im April 1945 erfolglos Verhandlungen zur Übernahme der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück geführt und in großem Umfang Rote-Kreuz-Pakete für die Häftlinge geliefert hatten, eine wichtige Quelle. Schließlich konnte die Referentin Prozeß- und Ermittlungsakten auswerten, die von der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen Ludwigsburg zusam­mengetragen worden sind.

Bärbel Schindler-Saefkow bereitet seit einigen Jahren ein Ravensbrücker Totengedenkbuch vor. Aus diesen Recherchen stammten auch die Daten ihres Vortrages. Das Konzentra­tionslager Ravensbrück war keine Vernichtungsstätte wie Belzec, Sobibor oder Auschwitz-Birkenau. Obwohl das Lager später auch eine eigene Gaskammer zur Vernichtung betrieb, wurden die für eine Tötung vorgesehehen Häftlinge nach Bernburg, Auschwitz, Bergen-Belsen, Lublin, Mauthausen und anderen Orten gesandt, um sie dort zu töten. Über diese Todestransporte aus Ravensbrück informierte die Referentin auf der Grundlage der bisher verfügbaren, überaus lückenhaften Quellen.

Die erste große Massenvernichtung in der Geschichte des Konzentrationslagers Ravens­brück erfolgte im Rahmen der „Aktion 14 f 13“, die Todestransporte gingen nach Bernburg, wo 1942 mindestens 1600 Ravensbrücker Häftlinge ermordet wurden. Diese Transporte führten 1942 und 1943 in größerem Umfang nach Auschwitz, 1944 nach Majdanek und Bergen-Belsen und 1945 nach Mauthausen. Fragmentarische Angaben belegen auch To­destransporte von Ravensbrück nach Hartheim, Berlin-Buch und Dachau. Umgekehrt sind von dem benachbarten Lager Uckermark und dem Außenlager Rechlin Häftlinge nach Ravensbrück gebracht und hier im Gas erstickt. Die Referentin schätzte die Zahl dieser Opfer auf 4.000 bis 5.000, von denen sie bislang über 2.100 Namen ermitteln konnte, aus verstreuten Angaben, deren Quellen sie nahezu in ganz Europa auffinden mußte.

Wie bereits in den Vorträgen[2] spielten auch in der Diskussion Fragen der Quellen, ihres Vorhanden- bzw. Nichtvorhandenseins, ihrer Aussagekraft und ihrer Bewertung eine grö­ßere Rolle als inhaltlich in der Forschung umstrittene bzw. offene Fragen. Hinsichtlich der Spezifik der Gruppe der „asozialen“ Häftlinge könne, so Frau Schikorra, im Rahmen der vorliegenden Forschungen, noch keine Antwort gegeben werden. Die Diskussion betraf denn auch weniger deren soziale Situation im Konzentrationslager und das Verhalten anderer Häftlingsgruppen zu dieser Gruppe der Leidensgenossinnen als das kaum leichter zu ermittelnde Echo der Mehrheit der deutschen Bevölkerung auf die Diskriminierung und Inhaftierung von vorgeblich Asozialen und Kriminellen. Ein weiterer Gegenstand der De­batte waren die Besuche des Lagers durch Beauftragte des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, deren Absichten und Folgen.

Wie die Diskussion zeigte, bedürfen insbesondere die Motive der Machthaber bei der Räu­mung der Lager weiterer Erforschung. Ging es um die Absicht, das Verbrechen zu vertu­schen, darum, die Häftlinge weiter an anderem Ort als Arbeitskräfte auszunutzen und sie als Geiseln in eigener Gewalt zu behalten? Als die Häftlinge durch die Ortschaften getrie­ben wurden, wurde die deutsche Bevölkerung unmittelbar Zeuge der Verbrechen an ihnen. Wie verhielten sich die umwohnenden Menschen, als diese Todesmärsche vor ihrem Ange­sicht stattfanden und die Qualen der Häftlinge wie die gewalttätige Willkür ihrer Peiniger auf offener Straße unübersehbar wurden?

Mit Ausnahme des Referates von Frau Schindler-Saefkow blieb auch bei diesem Collo­quium das Ravensbrücker Männerlager fast ganz außerhalb der Betrachtung.

Die vorgetragenen Forschungsergebnisse und die offenen Forschungsprobleme reihen sich in einen breiteren Fluß von Arbeiten über Ravensbrück ein. So erschienen in den letzten fünf Jahren mehrere größere Publikationen zum Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück, von denen hier einige vorgestellt werden sollen. Sie machten überwiegend neue Forschungs­ergebnisse bekannt. Ein an der Universität Hannover entstandener Sammelband[3] handelt von Bergen-Belsen und von Ravensbrück, von der Häftlingsarbeit im Hauptlager und in den Außenlagern Grüneberg und Neubrandenburg, den Versuchen von SS-Ärzten an Ge­fangenen, von den eingesperrten und von in Ravensbrück geborenen Kindern. Er schildert die Lagergesellschaft und die Rolle der Häftlingsfunktionäre und belegt Solidarität und Widerstand. Die Autoren bezogen in ihre Untersuchungen auch kulturelle und künstleri­sche Bestrebungen ein, die vom Überlebenswillen der Inhaftierten zeugen. Sie befaßten sich mit den Biographien von Täterinnen, und sie stellten einzelne inhaftierte Frauen und Häftlingsgruppen vor.

52 Jahre hat es gedauert, bis die Geschichte Ravensbrücks von Germaine Tillion nunmehr in überarbeiteter Fassung auch in deutscher Übersetzung vorliegt.[4] Es verbindet Erinnerung mit Forschungen, die schon in der Haftzeit begannen. Die Autorin befaßt sich insbeson­dere mit den Zuständen im Lager, mit den begangenen Verbrechen, darunter den Tötun­gen im Gas, und mit den männlichen und weiblichen Tätern.

Ein anderer Band, hervorgegangen aus einer Ausstellung des Studienkreises deutscher Wi­derstand und der Lagergemeinschaft/Freundeskreis Ravensbrück, porträtiert Häftlinge aus den drei Frauen-Konzentrationslagern[5], darunter 31 Frauen aus Ravensbrück. Ihre Lebens­daten werden mit Erinnerungsberichten verbunden. Diese Berichte geben Einblicke in die Lagerverhältnisse und schildern auch die Leiden von Kindern und das Aufbegehren der Ge­peinigten. Ein weiterer Band, der tabellarisch und mit Fotos und Faksimiles von den Schick­salen von 27 Frauen berichtet[6], begleitet eine Ausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Gleichfalls zum 50. Jahrestag der Befreiung gab die Gedenkstätte Doku­mente über die letzten Tage des Lagers, den Todesmarsch der Gefangenen, die Befreiung Ravensbrücks und die erste Beweissicherung von SS-Verbrechen durch Organe der Roten Armee heraus.[7] Die Reihe setzt ein Studienband fort, der von der SS-Siedlung, der Gas­kammer, von „Asozialen“, Jüdinnen, einer berüchtigten Blockältesten, sowie ebenfalls vom Kriegsende und von der Befreiung handelt. Ihn ihm wird auch auf Akten eingegangen, die sich über Ravensbrück in den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR befanden.[8] Diese Publikation schließt an einen Tagungsbericht an, der sich mit der Quellen­situation sowie mit einem Gedenkbuch für die Ravenbrücker Opfer befaßte, erneut die Gruppe der Aufseherinnen in den Blick nahm und auch das Außenlager Arado in Witten­berg einbezog. Dieser Tagungsbericht informiert auch erstmals über die Bestände im Archiv der Gedenkstätte.[9]

Klaus Drobisch


[1]   Erika Schwarz/Simone Steppan: Die Entstehung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, 1945-1959, in: Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück 1945-1995, hg. von Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit und Susanne Lanwerd (Schriftenreihe der Stiftung Bran­denburgische Gedenkstätten, Band Nr. 11), Berlin 1999, S. 219-239

[2]       Veröffentlichung der Beiträge und weiterer Aufsätze in: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung, Beiheft 1

[3]   Frauen in Konzentrationslagern. Bergen-Belsen und Ravensbrück, hg. von Claus Füllberg-Stollberg, Mar­tina Jung, Renate Riebe und Martina Scheitenberger, Bremen 1994. - Siehe jüngst den guten Überblick von Bernhard Strebel: Ravensbrück - das zentrale Frauenkonzentrationslager, in: Die nationalsozialisti­schen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, hg. von Herbert Ulrich, Karin Orth und Christoph Dieckmann, Göttingen 1998, Bd. I, S. 215-258, sowie spezieller ders., Unterschiede in der Grauzone? Über die Lagerältesten im Frauen- und Männerlager Ravensbrück, in: Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, 1998, H. 4, S. 57-68.

[4]   Germaine Tillion: Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Mit einem Anhang "Die Massentötungen durch Gas in Ravensbrück" von Anise Postel-Vinay, Lüneburg 1998.

[5]   Moringen, Lichtenburg, Ravensbrück. Frauen in Konzentrationslagern 1933-1945. Lese­buch zur Aus­stellung, hg. von Jutta von Freyburg und Ursula Krause-Schmitt, Frankfurt a. M. 1997. Siehe auch – von selbem Studienkreis veröffentlicht – Loretta Walz, Von Kaninchen zu Königinnen. Die medizinischen Ver­suche an polnischen Frauen im KZ Ravensbrück, in: Informationen, 1995, Nr. 42, S. 13-17.

[6]       Ravensbrückerinnen, hg. von Sigrid Jacobeit in Zusammenarbeit mit Elisabeth-Güdtner (= Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Nr. 4), Berlin 1995. - Siehe auch die biographischen Skiz­zen von 35 Frauen und drei Gruppen von Nonnen: Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Natio­nalsozialismus Häftlinge im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück von 1939-1945, hg. von der Internationalen Frauenbegegnungsstätte Ravensbrück, o.O., 1998.

[7]   “Ich grüße Euch als freier Mensch". Quellenedition zur Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravens­brück im April 1945, hg. von Sigrid Jacobeit in Zusammenarbeit mit Simone Erpel (= Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Nr. 6), Berlin 1997.

[8]       Forschungsschwerpunkt Ravensbrück. Beiträge zur Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers, hg. von Sigrid Jacobeit und Grit Philipp (= Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Nr. 9), Berlin 1997.

[9]   Das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Quellenlagen und Quellenkritik. Fachtagung vom 29.5. bis 30.5.1997, Berlin 1997.

 

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